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Stellen Sie sich vor, Sie wohnen mitten in München und wollen einen Wochenendausflug zum Chiemsee unternehmen. Als Sie sich mit dem Wagen auf den Weg machen, ist der rechte Fahrbahnrand ab Autobahnbeginn eine geschlossene Leitplanke aus Waschmaschinen und Wäschetrocknern. Sie wundern sich und fahren gut gelaunt weiter. Die Landschaft zeigt ein abwechslungsreiches Bild, was bleibt ist der weiß blitzende Wall am Fahrbahnrand. Als Sie an Ihrem Ziel ankommen, sind Sie knappe 80 Kilometer weit an dem weißen Band entlanggefahren. Und Sie stellen sich die Frage: Was war das denn? Die Antwort: Eine Monatsproduktion des Werkes Nauen der Bosch- Siemens Hausgeräte GmbH (BSH). Keine besondere Vorstellungsgabe ist nötig um nachzuvollziehen, dass jedes einzelne dieser Geräte eine Bedienungsanleitung braucht. Und eine separate Programmkarte und eine Aufstellanleitung und ein Kundendienstheft und einen Packzettel und so fort. Wenn eine Vertriebsregion Landes- und Sprachgrenzenüberschreitet, können sich je nach Art, Produktmarke und Modellversion des Geräts bis zu 24 verschiedene Einzelteile zu einem Dokumentensatz versammeln. Nehmen wir einmal als Durchschnitt acht derartiger Beilagen pro Gerät an, so ergeben sich mehr als eine Million gedruckter Einzeldokumente, die das Bosch-Siemens Hausgerätewerk in Nauen innerhalb eines Monats verkonsumiert. Und nichts davon auf Lager hat, sondern alles just in time an die vier Fertigungslinien anliefern lässt. Von einem Druckdienstleister, der aus Tradition gar keiner ist. Die Meta Systems GmbH mit Sitz in Elstal an der westlichen Peripherie von Berlin druckt, was im 15 km entfernten Nauen an den BSHMontagestraßen als Hilfestellung für Installateure und Benutzer in den Trommeln der Trockner und Waschmaschinen verschwindet.
Partnerschaft in gedruckter technischer Dokumentation
Die beiden Akteure kommen im Jahr 1994 miteinander in Kontakt. Zu dieser Zeit errichtet die Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH in Nauen ein neues Hausgerätewerk. An diesem Standort soll so genannte Weiße Ware für ganz Europa hergestellt werden. Und zwar nach neuesten Kriterien der Fertigungsmethodik: absatz- bzw. vertriebsgesteuerte Produktion. Die Waschmaschinen und Trockner werden nicht mehr „auf gut Glück“ in Großmengen hergestellt und auf Lager vorgehalten, sondern man schwenkt auf eine flexible Produktion von exakt vorausplanbaren Losgrößen um. Im Extremfall kann dies bedeuten, dass auf einer Montagelinie in der Frühschicht Trockner der Marke A, Modellversion 1 laufen, die für den spanischen Markt bestimmt sind, und in der Spätschicht Waschmaschinen der Marke B, die auf den britischen Inseln ihre Besitzer glücklich machen sollen. Diesem Fertigungstakt muss auch die Zulieferung der gedruckten Dokumentensätze gerecht werden. Die feste Anbindung an einen Serienfertiger mit minimalem Produktionsvorlauf bei kontinuierlichen Änderungen ist etwas völlig Neues. Als diese Leistung ausgeschrieben und mitsamt Anforderungskatalog an Druckereien in der Berliner Region versandt wird, folgt: Schweigen. Kein Druckanbieter aus dem klassischen grafischen Gewerbe sieht sich im Stande, das Geforderte zu leisten. Wie soll man das bewältigen? Die Vielfalt an unterschiedlichsten Dokumentensätzen (das Ganze läuft bis heute auf mehr als 650 verschiedene Artikelposten hinaus), ein ständiger Wechsel bei den abgerufenen Artikeln und Stückzahlen und extrem kurze Vorlaufzeiten, das verträgt sich seinerzeit nicht mit den Usancen der Druckereibranche. Höhere Auflagen vorzudrucken und die täglichen Lieferungen dann auf Zuruf zusammenzustellen, das würde einen immensen Lagerhaltungsund Sortieraufwand bedingen, dessen Kosten sich mit den erlösbaren Preisen nicht vereinbaren ließen. Ganz zu schweigen von der misslichen Situation, wenn kurzfristige inhaltliche Änderungen die schönen Lagerbestände mit einem Mal in Makulatur verwandelten. Ein heißes Eisen also, an dem sich keiner die Finger verbrennen will.
Bis die Meta Systems GmbH sich traut. Das Unternehmen entwickelt und vertreibt zu dieser Zeit Softwarelösungen für den typografisch ambitionierten und wissenschaftlichen Satz. Ursprünglich im Jahr 1990 als Ableger eines englischen Softwarehauses gegründet, implementiert Meta spezielle Vorstufenlösungen bei Zeitungen und Verlagen in ganz Deutschland, die Werkzeuge für die komplexe Fußnotenverwaltung, umfangreiche Formeln und den automatischen Umbruch benötigen. Als reines Systemhaus für die Druckvorstufe erfährt man erst über einen Kunden von der Ausschreibung der BSH. Man besorgt sich die Unterlagen, analysiert das Lastenheft und erkennt zwei Dinge: dass es sich erstens im Kern um eine komplexe Daten- und Terminorganisation handelt und zweitens, dass die gestellte Aufgabe nur mit einem rationellen Druckverfahren zu lösen ist. Man denkt die Aufgabe durch und kommt – trotz fehlender Erfahrung mit dem Drucken und der Papierverarbeitung – zu dem Schluss, dass man das Geforderte leisten kann. Nach einigen Gesprächen und Präsentationen glaubt das auch der Hausgerätehersteller, und Meta Systems steigt mit firmeneigenen Datenmanagementwissen und einer Kleinoffset-Drucklösung in das neue Geschäft ein.
Drucken in Stromlinienform Wie die Entscheider bei Meta Systems richtig erkannt haben, sind Organisation und Handling der Daten ein grundlegender Erfolgsfaktor. Die Technische Dokumentation bei BSH arbeitet mit einem datenbankbasierenden Interleaf-System und beliefert Meta Systems mit druckfertigen digitalen Seiten im PostScript-Dateiformat. Per ISDN gehen sie an Meta Systems, werden dort geprüft, digital montiert und für den Druck ausgegeben. Der andere Erfolgsfaktor ist der Druck und eine stromlinienförmige Weiterverarbeitung der Broschürensätze zum DIN A5-Endformat. Mit der heutigen Erfahrung von fast sechs Jahren Produktion erinnert sich Meta Systems-Prokurist Michael Wendorff noch genau an die Anfänge: „Von vornherein war klar, dass nur ein sehr rationeller Druckprozess Aussicht auf Erfolg hat. Wir fingen ganz bescheiden an. Gedruckt wurde auf zwei Kleinoffset-Perfektormaschinen im A3- Format. Die dafür benötigten Druckplatten, so genannte Zinkoxidfolien, stellten wir auf einem Überformat-Laserdrucker her. Den traditionellen reprografischen Prozess haben wir konsequent umgangen.“ Aber auch diese „CTP Light“-Lösung hat, vor allem wenn es um Einzelauflagen unter 400 Stück geht, ihre wirtschaftlichen Grenzen. Deswegen dachten Michael Wendorff und Geschäftsführer Raymond Phillips schon seit der ersten Berührung mit der Materie an ein Digitaldrucksystem. Doch das damalige Marktangebot machte diese Option zusammen mit einer unterdurchschnittlichen Druckqualität wenig interessant.
Digitaldruck als logische Folge der Marktentwicklung Gegen Ende der neunziger Jahre wendet sich jedoch das Blatt. Zum einen differenziert sich die BSH-Produktion immer stärker, was bedeutet, dass Einzelserien mit nur 300 gleichen Dokumentensätze gang und gäbe werden und die Stücklisten immer öfter auch nur 50er Serien beinhalten. Trotz akribischer Vorplanung der Geräteproduktion im täglich aktualisierten Feinabruf (14-Tage-Vorschau) kann jederzeit der Anruf kommen, dass die BSH-Fertigung unverhofft umgestellt wird, was die Vorlaufzeit auf gerade einmal sechs Stunden drückt. All dies hat für Meta Systems sinkende Auflagenzahlen, steigende Produktionsvielfalt und einen erhöhten Einricht- und Umstellaufwand bei den Druckmaschinen und – vor allem – bei der Papiernachverarbeitung mit ihren zahlreichen separaten Arbeitsschritten (Falzen, Zusammenheften, Beschneiden) zur Folge. Zum andern macht das Digitaldruckverfahren bis dahin eine stürmische Entwicklung durch. Druckqualität, Produktionseffizienz und die Möglichkeiten sowie die Flexibilität in der Online-Druckweiterverarbeitung verbessern sich dramatisch.
Eine für alles: Océ Demandstream Daher schaut sich das Meta Systems- Management im Sommer 1998 erneut nach einem System für das digitale Drucken nach Bedarf (Printing on Demand, PoD) um. Man will aber mehr erreichen, als nur Klein- bzw. Kleinstauflagen digital drucken. Ziel ist die Umsetzung eines neuen Produktionskonzepts. Die PoDAnlage soll fix und fertige, komplette Dokumentensätze ausspucken, wie sie laut BSH-Stückliste abgerufen werden. Es geht also um die Verwirklichung einer höheren Form der exemplarweisen Produktion von Drucksachen. Nach einiger Zeit der Marktsondierung findet man in Océ, genauer im Océ- Geschäftsbereich Production Printing Systems, den richtigen Partner mit der richtigen Technik und der richtigen Einstellung zu dem Vorhaben. Da nämlich der Einstieg ins Printing on Demand parallel zur laufenden Produktion erfolgen soll, braucht der 22 Mitarbeiter starke Betrieb einen Lieferanten, der ein „schlüsselfertiges“, komplettes Produktionssystem installieren kann. Letzteres war ein Gewinnpunkt für Océ, wie Michael Wendorff berichtet: „Océ war bei unserem Projekt von Anfang an mit vollem Engagement bei der Sache. Alle Hersteller, die mit Aggregaten in der Fertigungslinie vertreten sein sollten, wurden an einen Tisch gebracht, sodass eine harmonische Komplettlösung erarbeitet wurde. D.h. Océ hat im Gegensatz zu anderen Anbietern die Aufgabe des Generalunternehmers tatsächlich wahrgenommen. Darüber hinaus hat uns die Technik des von Océ angebotenen Digitaldrucksystems auf Anhieb überzeugt. Und es zeigte sich, dass die Druckqualität der Océ-Maschinen dem Offsetdruck in nichts nachstand.“ Was ist dabei herausgekommen?
Mit PoD à la Océ zu neuen Horizonten In Elstal arbeitet heute ein Océ Demandstream 4040 DI Digitaldrucksystem mit direkt angekoppelter Broschürenfertigungsstraße. Das elektrofotografische Einzelblatt-LED Drucksystem bedruckt das Papier beidseitig einfarbig schwarz und leistet einen Ausstoß von 158 DIN A4-Seiten pro Minute. Das Océ-Drucksystem kann Papierformate bis A3+ verarbeiten und nimmt in vier Eingabefächern insgesamt 5.000 Blatt Papier auf. Für das Produktionskonzept von Meta Systems ist es besonders wichtig, dass die getrennten Papierfächer es erlauben, gleichzeitig verschiedene Papiertypen und -gewichtsklassen für den direkten Ladezugriff vorzuhalten. Die variable Papierweiterverarbeitung von FKS Duplo integriert die Falz-, Sammelheft- und Endbeschnittfunktion in die Produktionslinie. Angesteuert und mit Druckdaten versorgt wird die PoD-Drucklinie über einen Océ Prisma+POD-Druckserver, der die Vielfalt der zu produzierenden Dokumentensätze über Job Tickets intelligent verwaltet. In den Job Tickets sind die einzelnen Broschüren und weiteren Bestandteile der Dokumentensätze definiert. Außerdem werden über die Job Tickets Ausschießschemata für die Broschüren zugeordnet, bei laufender Produktion die Papierfächer im Wechsel angewählt und bei jedem Einzelprodukt die Papierverarbeitungsaggregate korrekt aktiviert.
Der eigentliche Clou dieser Digitaldrucklinie ist, dass sie vollautomatisch komplette Dokumentensätze nacheinander herstellt und nach Abarbeitung einer Serie ohne Produktionsunterbrechung mit der nächsten beginnt. Welche Anforderungen dies an die Fähigkeiten und Flexibilität der Digitaldrucklinie stellt, veranschaulicht schon das Beispiel eines kleinen Broschürensatzes: Die Heftköpfe müssen innerhalb eines Dokumentensatzes nur dann in Aktion treten, wenn ein fertiges Produkt aus mindestens zwei Papierlagen besteht. Die seitenstarke Bedienungsanleitung hat wie das Heft mit den Serviceadressen einen Umschlag aus 120-g-Papier, der Inhalt wird auf 80-g-Papier gedruckt. Aus dem gleichen Material bestehen die separate Aufstellanleitung und der Packzettel, während die Programmkarte auf 170-g-Papier gedruckt wird. Am Ende der vollautomatischen PoD-Produktionslinie müssen die fertigen Broschürensätze nur noch entnommen und in eine Folienverpackungsmaschine eingeführt werden, welche sie wasserdicht in Folie einschweißt. „Der Rationalisierungs- und Kostenspareffekt ergibt sich zum einen durch die im Vergleich zum konventionellen Produktionsweg minimalen Einricht- und Umrüstzeiten“, sagt Michael Wendorff, „und zum anderen gewinnen wir durch die Océ-Digitaldrucklinie, weil sie uns vier oder fünf separate Arbeitsschritte erspart. D.h. das Schneiden, Falzen und Heften der einzelnen Broschüren und natürlich das Zusammentragen und Sortieren der Dokumentensätze.“
Sprungbrett für mehr Digitaldruck-Business Heute erwirtschaftet Meta Systems mit 22 Mitarbeitern etwa die Hälfte des Umsatzes mit dem angestammten Druckvorstufen- Systemgeschäft und die andere Hälfte als Druckerei für technische Dokumentationen. Mittlerweile sechs Jahre termingebundener Druckproduktion haben dem Unternehmen ein fundiertes Wissen um das Datenhandling für den Digitaldruck beschert. Dieses Know-how will man jetzt zur geschäftlichen Expansion nutzen. „Wir haben zwei Geschäftsfelder im Visier“, verrät Raymond Phillips. „Erstens möchten wir unser Knowhow als Beratungsleistung dort verkaufen, wo es um ähnliche Fälle wie bei BSH geht, also um die umfangreiche technische Dokumentation bei großen Unternehmen. Denn eines ist klar: Das Drucken an sich ist definitiv nicht das Problem. Denn Maschinen wie die Demandstream sind überaus zuverlässige Systeme, die ihre Aufgaben mit hoher Geschwindigkeit und bester Qualität lösen. Vielmehr ist es das Datenhandling, die Anbindung an die digitalen Unternehmensprozesse, die entsprechend gelöst werden muss, um für den Kunden einen optimalen Nutzen zu erzielen. Und wir überlegen uns, in den Digitalfarbdruck einzusteigen, bei dem es um eine schnell individualisierte Druckproduktion geht, für die wir bestens gerüstet sind.“ Selbstverständlich weiß man bei Meta Systems um die stürmische Entwicklung des Digitaldruckmarktes und möchte eben darum rechtzeitig die Fahnen hissen. Doch wer sich die bisherige Entwicklung des Unternehmens vor Augen hält und mitbekommt, wie man aus einem anspruchsvollen Pilotprojekt eine Routineproduktion geformt hat, kann sich gut vorstellen, dass einer prickelnden Fortsetzung dieser digitalen Erfolgsstory nichts im Wege steht. |