Jeder Verleger, jede Verlagsdruckerei kennt es: Der in ein Buch gesetzte Optimismus, manifestiert in der gedruckten Auflage, erfüllt sich im Verkauf nur zum Teil. Wer heute gar Sach- und Fachbücher verlegt, dem liegt das Risiko roter Zahlen im Magen wie dem Wolf aus dem berühmten grimmschen Märchen die eingenähten Steine. Mit bedingt wird dies durch die zunehmende Schnelldrehermentalität des Buchhandels, der immer weniger Titel im Bestand führt und dieses geschmälerte Programm, an ein breites Publikum gerichtet, hastig durch die Regale schleust. Selbst wenn im günstigsten Fall die gesamte Auflage über den Ladentisch geht und Nachbestellungen auflaufen, kann der Verlag diese Nachfrage aus Kostengründen erst ab einer erklecklichen Größenordnung bedienen. So oder so – mit herkömmlichen Fertigungsmethoden lässt es sich nur schwerfällig reagieren. Heutzutage kann jedoch die Balance zwischen Auflage und Nachfrage feiner justiert werden. Eine Book-on-Demand- Digitaldrucklösung, wie von Océ angeboten, erlaubt eine gezielt auf die Marktnachfrage zugeschnittene Komplettherstellung von Büchern. Die Vorteile der BoD Produktionstechnik und drastisch gesenkte Lagerhaltungskosten und Kapitalbindung machen es aus, dass Verleger von Fachliteratur und „Wagnis“-Titeln wieder mit mehr Freude und Zuversicht, sprich Aussicht auf Ertrag, zu Werke gehen können. Kein Wunder also, dass Buchverlage diese Technik mit Erfolg für sich arbeiten lassen. Die Beltz-Gruppe mit Hauptsitz in Weinheim an der Bergstraße gehört dazu.
Beltz ist alles andere als ein schmalbrüstiges Unternehmen mit Nischenausrichtung. Unter dem Dach der Beltz Rübelmann Holding GmbH & Co wirtschaften der Beltz Verlag samt vier Verlagstöchtern sowie die Verlage Campus und Juventa. Neben dem renommierten Kinder- und Jugendbuchprogramm Beltz + Gelberg und der Zeitschrift Psychologie heute erscheinen vor allem Fachbücher für Pädagogik und Psychologie. Das gesammelte Verlagsprogramm umfasst mehr als 2.500 lieferbare Titel. Die Fertigung der Bücher, einst in die Verlage integriert, wurde ab Ende der achtziger Jahre unter dem Dach der Holding in technische Produktionsstätten ausgegründet. Heute sind es vier grafische Betriebe, die sich u.a. der Bücherfertigung widmen und diese Leistungen überwiegend auf dem freien Markt anbieten. Alles in allem beschäftigt die Beltz-Gruppe rund 450 Mitarbeiter. Gerade bei Fachbüchern und wissenschaftlicher Literatur sind die Auflagen nie in den Himmel gewachsen. Deswegen wurde bereits 1989 mit der Druck Partner Rübelmann GmbH eine Offsetdruckerei samt integrierter Druckvorstufe gegründet, die sich speziell der kleinen Buchauflagen annimmt. Ab Mitte der neunziger Jahre öffnete sich bei den zielgruppenspezifischen Büchern die Schere zwischen produzierter und verkaufter Auflage zusehends – nicht zuletzt eine Folge der knapperen Budgets im Hochschul- und Lehrbereich sowie dem allgemeinen Bibliothekssektor. Nicht verkaufte Bestände mit der Hoffnung auf wachsendes Interesse oder wieder anschwellende Kaufkraft der Zielgruppen auf Lager zu nehmen, das kam und kommt angesichts einer durchschnittlichen „Haltbarkeit“ wissenschaftlicher Literatur von etwa zwei Jahren nur mehr einer Verzweiflungstat gleich. Mit Maßnahmen zur Ankurbelung des Absatzes allein konnte es daher nicht getan sein. Es ging auch darum, neue Produktionswege zu erschließen, um dadurch die Gesamtkosten zu senken. Hier kommt das Book on Demand-Verfahren ins Spiel.
Revolution im Keller Druck Partner Rübelmann ist wie einige weitere Produktionsbetriebe und Verwaltungseinrichtungen der Beltz-Gruppe in einem Mischgebiet der nordbadischen Kleinstadt Hemsbach ansässig, nur sechs Kilometer vom Stammsitz Weinheim entfernt. Betritt man den grafischen Betrieb durch die verglaste Eingangshalle, so fallen zunächst die Offsetdruckmaschinen ins Auge, dann eine große Bücherwand mit einem Querschnitt aus der Produktion der Druckerei. Für den Werkdruck bis zum Format DIN B1 – hauptsächlich einfarbig schwarz – stehen eine Zweifarben-Roland 700 mit Bogenwendung und zwei Heidelberg Bogenoffsetmaschinen mit je einem Druckwerk zur Verfügung. Eine kleinerformatige Vierfarben- Heidelberg GTO wird in erster Linie für den Druck von Umschlägen genutzt. Die Revolution findet indes im Keller statt.
Dort sieht man große graue Kästen mit Bildschirmen und Einblickfenstern, die surrend eine Papierbahn bedrucken. Wer deninfernalischen Lärm kennt, der sonst von Rollendruckmaschinen ausgeht, für den ist es hier geradezu unheimlich still. Allein das rhythmische Schlagen der in die Digitaldrucklinie integrierten Falzstationen lässt hören, dass mit dem Papier etwas Einschneidendes passiert. Als Ergebnis laufen perfekt gefalzte Druckbogen, je nach Format typischerweise mit 16 oder 24 Seiten Umfang, auf das Auslageband. Die aufsteigenden Flattermarken an den Rücken der Signaturen weisen auf einen wichtigen Pluspunkt dieser BoD-Produktionslinie hin: Dank der digitalen Zusammentragfunktion werden die gefalzten Bogen in der korrekten Buchblock-Sequenz ausgelegt. D.h. egal wie umfangreich das Werk oder wie groß die Auflage ist, die Anlage druckt Exemplar für Exemplar komplett – fertig für die Klebebindungoder Fadenheftung. Die Umschläge, so erläutert Heinz Ruhl, Leiter des 20 Mitarbeiter starken Betriebes, kommen aus der oberen Etage von der hauseigenen Offsettechnik oder werde von lokalen Dienstleiste n zugeliefert. Die buchbinderische Ve arbeitung erfolgt im direkten Anschluss a die Drucklinie. Es kann verblüffen, wie infach undgeradlinig diese Produktion verläuft. Dies umso mehr, wenn man sich vor Augenhält, welch endlosesHin und Her die verschiedenen Materialstapel bei derkonventionellen Produktion erfahren, bis ein Buch endlich fertig ist.
Plug & Print Wie kam Druck Partner Rübelmann zu dieser Océ-Lösung, die schon die Produktion von (Teil)auflagen ab 150 Exemplaren für den Verlag interessant macht? Heinz Ruhl klärt auf: „Wir wussten, dass derartige Kleinstauflagen nur noch per Digitaldruck wirtschaftlich zu produzieren sind, also haben wir uns auf dem Markt umgesehen. Dabei waren unsere Vorgaben klar: Wir wollten die klassischen Falzbogen, und wir wollten eine reibungslose Ankoppelung des elektronischen Frontendsystems, das die Digitaldruckanlage ansteuert, an unsere Produktionsabläufe in der digitalen Druckvorbereitung. Ein einwandfreies Druckbild, auch wenn die Maschine im Dauerbetrieb läuft, haben wir vorausgesetzt.“ Nach zahlreichen Produktvorführungen und Probeläufen fiel die Entscheidung zur Investition in ein Demandstream 8070 Rollendrucksystem von Océ mit integrierter Druckweiterverarbeitung. Das Digitaldrucksystem besteht im Kern aus zwei elektrofotografischen LEDDruckeinheiten mit zwischengeschalteter Wendestange. Die Druckauflösung beträgt 600 dpi und die Registerabweichung zwischen Vorder- und Rückseite der bedruckten Bahn gerade einmal 0,2 Millimeter. In Sachen Druckgeschwindigkeit bringt es die Demandstream 8070 auf 290 DIN A4-Seiten in der Minute. Wenn das irgendwann nicht mehr ausreichen sollte, besteht die Möglichkeit zur schrittweisen Aufrüstung der Druckleistung. Fast noch wichtiger ist für Druck Partner Rübelmann die Tatsache, dass bei einer maximalen Druckbreite von 463 mm drei A5-Seiten oder vier kleinere Taschenbuch- Seiten nebeneinander im stehenden Format gedruckt werden können (Papierlaufrichtung parallel zum Buchrücken). Was die verwendeten Papiergewichtsklassen angeht, wird die seitens Océ durch die Extremwerte 60 und 160 g/m² abgesteckte Materialskala nicht annähernd ausgereizt. Beim Bücherdruck herrschen Natur- und Werkdruckpapiere in einem Grammaturbereich von 80 bis 100 g/m² vor.
Die Druckeinheiten werden von einer Hunkeler-Papierabrollung gespeist, deren Vorratskapazität je nach Papiertyp für 70.000 bis 90.000 Blatt A4 liegt. Wenn die beidseitig bedruckte Papierbahn die Druckeinheiten verlässt, passiert sie eine Pufferstation, bevor ein Hunkeler-Längsund Querschneidaggregat die Bahn zu Druckbogen vereinzelt. Dann sorgen zwei MB-CAS-Taschenfalzgeräte für die saubere Kreuzbruch-Falzung der Bogen. Miteinander synchronisiert und gesteuert werden die einzelnen Aggregate der Digitaldrucklinie mittels digitaler Vernetzung über ein so genanntes Intelligent Post Processing Interface. In unmittelbarer Nähe sorgt ein Klebebinder für eine einwandfreie Dispersions- oder Hotmeltklebebindung, die anschließend beschnitten wird. Durch die räumliche Nähe ist ein reibungsloser Ablauf gesichert.
Hakt man bei Heinz Ruhl nach, wie er mit seiner Digitaldruckmaschine zufrieden ist, entgegnet der erfahrene Druckfachmann: „Die Maschine läuft einwandfrei. Das Entscheidende bei einer solchen Lösung ist die Integration in den laufenden Betrieb. Da heutzutage alles über den Computer läuft, hatten wir in dieser Hinsicht Befürchtungen. Aber unsere Wahl hat sich bezahlt gemacht: Durch die offene Struktur des Serverkonzepts war eine einfache Integration in unseren Workflow möglich, ein echtes Plug & Print.“ Die Software der Océ-Digitaldrucklösung ist auf größtmögliche Offenheit und Flexibilität ausgelegt. Ganz gleich, aus welchem Autorensystem oder was für Daten gedruckt werden sollen – eine unkomplizierte Einbindung ist oberstes Gebot. Die Demandstream wird durch einen eigenen Server, eingebunden in das Vorstufennetzwerk, angesteuert, der von Océ seiner jeweiligen Einsatzart angepasst wird. Dabei ist das gesamte Frontend ein großzügig skalier- und erweiterbares System, das mit leistungsstarken Prozessoren arbeitet. Bei Druck Partner Rübelmann wurde der Server mit einer standardisierten Print-on- Demand (PoD) Erweiterung versehen, die die Druckdaten der hauseigenen Vorstufe oder von Kunden empfängt, verarbeitet und ausgibt. In der Regel handelt es sich um PostScript- oder PDF-Dateien. Wenn Reprints von Büchern anstehen, können auch TIFF-Dateien verarbeitet werden, die der hoch auflösende Scanner liefert. Einmal auf dem Server abgelegt, kann der Bediener über eine geradlinige und unkomplizierte Routine an die unmittelbare digitale Druckvorbereitung gehen. Nach dem Rippen lassen sich Seiten noch austauschen, oder es können weitere Seiteneigenschaften definiert werden. Danach wird ausgeschossen und die erforderlichen Hilfsmarken für Falzen und Binden gesetzt. Softproof-Funktionen für die gerippten Seiten und ausgeschossenen Formen gestatten auch unter Termindruck eine rasche Kontrolle der Druckjobs. So können die Zwergen-Auflagen innerhalb kürzester Zeit direkt in Druck gehen.
Ein Produktionssystem kaufen und es dann in Betrieb bringen, sind zwei verschiedene Dinge. Welche Erfahrungen hat man bei Druck Partner Rübelmann gemacht? Heinz Ruhl dazu: „Die ganze Unterstützung von Océ bei der Installation und der Anlaufphase war wirklich vorbildlich. Das kann ich deshalb so entschieden sagen, weil wir in der Firmengruppe des Öfteren größere Investitionen tätigen. In manchen Fällen fühlt man sich ziemlich im Stich gelassen, wenn erst einmal das ganze Geld über den Tisch gegangen ist. Aber hier sind wir ausgesprochen zufrieden.“ Matthias Rübelmann, Geschäftsführer des Druckhauses Beltz, hat sich federführend um die Realisierung des Book on Demand-Projekts bei Druck Partner Rübelmann gekümmert. Als Angehöriger einer Verlegerfamilie hat er eine Sicht, die nicht auf die Faszination an der Technik verengt ist, sondern auch die Vermarktung und die Zukunftsperspektiven des Bookon- Demand einschließt. „Wir haben prinzipiell für die Océ Demandstream drei Einsatzgebiete“, erläutert Matthias Rübelmann. „Da ist zunächst natürlich die Produktion unserer eigenen wissenschaftlichen Literatur. Als Weiteres wollen wir mit der Océ-Drucklinie auch den Markt für Dissertationen und sonstige wissenschaftliche Literatur öffnen, wo bisher entweder ein Verlag in eine unberechenbar große Auflage investierte oder der Autor privat die von den Hochschulen geforderte Anzahl an Belegexemplaren vervielfältigte. Und drittens wollen wir die neuen Möglichkeiten, nachdem wir sie nun voll im Griff haben, anderen Druckereien und Verlagen anbieten.“
BoD macht Eindruck Dafür stehen die Chancen gut. Nicht zuletzt deshalb, weil das Thema Book on Demand und die qualitativen Fähigkeiten der Océ-Digitaldrucklinie auf der letzten Frankfurter Buchmesse die Neugierde anderer Verleger weckten. Dort hatte die Beltz-Gruppe in Zusammenarbeit mit Océ aufgezeigt, was Book on Demand alles kann. Das Schlüsselerlebnis für Matthias Rübelman blieb nicht aus. Ein befreundeter Verleger schaute auf dem Beltz-Stand vorbei, der Kontaktpflege wegen, und um zu prüfen, was da als Novum angepriesen wurde. Insgeheim befürchtete Matthias Rübelmann ein vernichtendes Urteil, da dieser Besucher für seine hohen Qualitätsansprüche bekannt ist. Aber das glatte Gegenteil trat ein. „Er hat ein Exemplar in die Hand genommen,“ erzählt Matthias Rübelmann, „durchgeblättert und schließlich gesagt: „Das sind jetzt richtige Bücher mit gleichmäßig schwarzer Schrift, besser noch als im Offset. Da könnte man doch mal was machen. In diesem Moment wusste ich, dass diese Maschine genau die richtige Wahl für uns ist.“
Fazit: Das thematisch hoch spezialisierte Buch kann auch in Zukunft nicht nur seinen Autor, sondern auch den Verleger und Drucker begeistern – wenn der Produktionsweg stimmt.
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